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Das Waldprojekt: Idee und Begründung

Allem vorausgegangen waren zahllose Anläufe die Jugendlichen der Oberlinschule im Rahmen ihrer Berufspraktika in Betrieben in und um Reutlingen für ein Wochenpraktikum zu vermitteln. Ein Vorhaben, das in unserer Oberstufenarbeit fest verankert ist.
Leider trat zum damaligen Zeitpunkt das ein, was niemand für möglich gehalten hatte. Die Schüler verloren ihre Praktikumsplätze am laufenden Band. Die Anforderungen, die an sie gestellt wurden konnten die Jugendlichen nicht erfüllen. Alle Versuche die Schüler in adäquate Betriebe zu vermitteln scheiterten aus den unterschiedlichsten Gründen kläglich.
Ständig auf der Suche nach Möglichkeiten die eingangs beschriebene Zielsetzung der Schule in die Praxis umzusetzen, haben wir im Herbst 1999 ein Flächenlos im Wald nahe des Gaisbühl-Geländes erworben. Dort startete der Versuch mit den Schülern der Oberstufe im Wald zu arbeiten.
Der Unterricht und die Praktika sollten im Wald durchgeführt werden.
Die allgemein erfahrene Enttäuschung hatte somit Folgen:
Wir ziehen in den Wald, halten uns dort auf, wo sich die Jugendlichen entsprechend ihrer Bedürfnisse, frei von gesellschaftlichen Forderungen bewegen dürfen und können.
Sehr überrascht waren wir über die positiven Auswirkungen unseres Projekts, das eigentlich aus der Not heraus entstanden ist:
Die unglaubliche Bandbreite pädagogischer Handlungsmöglichkeit eröffnete sich jeden Tag aufs Neue:
Arbeitsformen werden von den Jugendlichen entsprechend ihrer Bedürfnisse selbstverantwortlich gewählt.
Arbeitsrhythmen werden von den Jugendlichen entsprechend der körperlichen Verfassung entwickelt und gegebenenfalls reduziert oder gesteigert.
Arbeitskleidung, ob schmutzig oder nicht ist kein Zeichen von Verwahrlosung, sondern Ausdruck von Zugehörigkeit.
Arbeitslohn sind keine Almosen einer nicht greifbaren Institution, sondern die unmittelbare Antwort auf eigene Leistung.
Arbeitspausen sind keine struktur- und inhaltslosen Zeiträume, sondern dringend erforderliche Regenerationsphasen.
Arbeitsplatz bedeutet nicht Nichts mehr Lernen, sondern Unterricht in allen Fächern mit allen Sinnen.
Arbeiten ist kein Privileg der Großen, sondern für beide Geschlechter aller Altersstufen möglich.
Arbeiten im Umfeld schwerer Maschinen wie Kappsäge, Kettensäge und Traktor zeugen von Übertragung von Verantwortung und Selbständigkeit.
Arbeiten ist nicht immer leicht, sondern erfordert ein großes Maß an Sicherheitsvorkehrungen.
Arbeiten muss beständig stattfinden und institutionalisiert werden.
Arbeiten ist nicht immer monoton, sondern vielfältig.
Evangelos, ein Oberstufenschüler brachte es damals auf den Punkt: „Mit der Waldarbeit bekommen die Sonderschüler etwas Besonderes.“

Eine Bilanz von 1999 – 2002

Der Erfolg unseres Waldprojekts machte es möglich, dass wir auch Ausgaben tätigen konnten, die von langfristigem Nutzen für die Schülerinnen und Schüler waren und sind.
Durch Spenden, die wir für die Lieferung von Brennholz an Mitarbeiter der Schule und der Gustav-Werner-Stiftung erhalten haben, konnten wir bisher einen Teil der Kosten für die Anschaffung unseres Traktors selbst tragen. Der andere Teil wurde über Fördergelder abgedeckt.
Die unkonventionelle Unterstützung der Firma Göbel - Landmaschinen-Verleih ermöglichte uns auch kurzfristig, eine Kappsäge und andere Maschinen auszuleihen. Anfallende Wartungen am Traktor und Reparaturen an Kettensägen wurden nahezu über Nacht gründlich durchgeführt. Bei diesen Arbeiten konnten die Schüler den Fachkräften über die Schulter schauen.
In Sicherheitsfragen erhielten wir umfassende Beratung.
Die Zusammenarbeit mit dem Forstamt Reutlingen gestaltete sich kompetent und entgegenkommend.
Trotz Bedenken ist die Forstabteilung bereit gewesen einem Jugendlichen der Oberstufe das Praktikum zu ermöglichen.
Darüber hinaus haben wir Unmengen von Holzresten aus dem Sturmschaden „Lothar“ zur Brennholzverwertung bereitgestellt bekommen.
Dafür konnten wir uns wiederum im Rahmen der Putzaktion in Reutlingen erkenntlich zeigen. Die Schüler der Oberlinschule reinigten die Grillstelle auf dem Gebiet Jungviehweide großräumig.
Letztlich können wir auf zahlreiche Zusatzqualifikationen im Kollegium zurückgreifen. So übernimmt ein ausgebildeter KFZ-Meister die Wartung des betagten Traktors "Hatz“. Mit Schülern werden unter seiner Anleitung auch kleinere Reparaturen am, von allen liebgewonnen Gefährt durchgeführt.
Im Technikunterricht wurde der Neuaufbau des Anhängers vollzogen.
In Sicherheitsfragen / Erste Hilfe konnten wir (zum Glück) einmalig auf ausgebildete Rettungssanitäter/innen zurückgreifen.
Die effektive Form des Holzspaltens erlernten wir anschaulich beim Hausverwalter des Oberlin-Jugendhilfe-Verbunds.
Die „Dauerleihgaben“ (zwei Kettensägen und Spaltäxte/ -hammer) aus dem Kollegium und der schonungslose Einsatz von Privatfahrzeugen machen auch schwierige Arbeiten möglich.
Darüber hinaus stoßen wir niemals auf Ablehnung, wenn auch in ihrer Freizeit erwachsene Arbeitskräfte gefragt sind.

Die Zukunft des Projektes

Nachdem das Projekt Waldarbeit bereits eingeschlafen war, konnte es im Schuljahr 2006/2007 im Rahmen der Oberstufen AG wieder zu neuem Leben erweckt werden. Es gibt nach wie vor Schüler, welche viel Spaß an dieser Arbeit haben. Das Projekt hat auch einen neuen Platz nahe dem Wald gefunden und es ist zu hoffen, dass dies eine dauerhafte Lösung darstellt. Der damals angeschaffte Traktor existiert immer noch und wird inzwischen auch vom Projekt Gartenarbeit vielfältig genutzt.

Das Waldprojekt 2010

Inzwischen hat sich das Projekt an der Schule fest etabliert. Über großzügige Spenden konnten eine Reihe größerer Arbeitsgeräte, ein weiterer Traktor, zwei Containermodule als Abstellraum und als Aufenthaltsraum, sowie ein Unterstand für schlechtes Wetter finanziert werden. Ein Kollege ist inzwischen fest mit dem Projekt betraut und fast alle Schüler von Klasse 1 bis 9 arbeiten zeitweise auf dem Holzplatz oder im Wald.

Oberlinschule Reutlingen
Oberlinstraße 22-24
72762 Reutlingen
Telefon 07121 278-550
Telefax 07121 278-682
oberlinschule(at)bruderhausdiakonie.de

 
Schulleitung:
Daniel Reiber